2002 divertimento«Ich habe stets das Urmusikalische im Menschen gesucht»

Per Ende 2019 hat Hans Gafner die Leitung des Orchesters Münsingen abgegeben – nach mehr als 55 Jahren. Damit zieht sich einer der profiliertesten Musikpädagogen und Amateurorchesterdirigenten im Kanton Bern aus dem aktiven Musikleben zurück.

Miriam Schild — Hans Gafner hat die klassische Laienmusikszene zwischen Thun und Bern in den letzten 50 Jahren geprägt wie niemand sonst. Ob Amateurgeiger, -oboistin oder -cellistin, Hobbysänger, musikinteressierter Gymnasiast oder junge Musikschülerin, in der Region gibt es kaum jemanden, der nicht unter Gafner musiziert oder zumindest einem Konzert unter seiner Leitung beigewohnt hätte.

Als Musiklehrer und Chorleiter am Freien Gymnasium Bern, als Dirigent des Orchesters Münsingen, als Gründer und Leiter des Gabrieli Chors in Bern, als Gründer und Leiter der Musikschule Münsingen und als Gründer und und Dirigent des in Thun beheimateten Jugendsinfonieorchesters Arabesque war Gafner auf sämtlichen Klassikbühnen aktiv. Darüber hinaus realisierte er zahlreiche musikalische Grossprojekte, manchmal mit mehreren hundert Beteiligten.

«Jahrzehntelang hatte ich eigentlich jeden Abend eine Probe – zusätzlich zu meiner Haupttätigkeit als Lehrer und später Musikschulleiter tagsüber», erzählt Gafner im Gespräch mit der EOV-Redaktion. Wir besuchen ihn Anfang Januar in seiner hellen Neubauwohnung in Münsingen. Er und seine Frau sind erst vor wenigen Jahren aus ihrem Haus hierhergezogen, in dieses ruhige Quartier am Dorfrand.Ruhig geworden ist es zum ersten Mal auch in Gafners Leben. Nach seiner Pensionierung hat der bald 84-Jährige seine zahlreichen nebenberuflichen Engagements sukzessive abgegeben – bis nur noch die Leitung des Orchesters Münsingen übrig blieb. Bereits 1963 hatte Gafner das Orchester zum ersten Mal dirigiert, 1965 wurde er als fester Dirigent gewählt.

Nun hat er den Taktstock auch bei den Münsingern niedergelegt, nach einem grossen Abschiedskonzert am 11. Dezember 2019. Dass dieses Konzert bereits Monate im Voraus ausverkauft war und der Gemeindesaal Schlossgut beim Anlass aus allen Nähten platzte, zeigt Gafners enorme Popularität. Das Publikum feierte den abtretenden Dirigenten mit Standing Ovations, Orchester- und Gemeindevertreter würdigten ihn mit emotionalen Reden.

Drei Werke mit Bedeutung zum Abschied
Es sei nicht einfach gewesen, ein letzes Konzertprogramm zu bestimmen, räumt Gafner ein. «Wofür entscheiden Sie sich, wenn Sie noch einen einzigen Wunsch frei haben?», fragt er rhetorisch. Alle drei Werke, die er schliesslich ausgewählt habe, hätten für ihn eine besondere Bedeutung: die Orchestersuite Nr. 1 in C-Dur von Johann Sebastian Bach, das zweite Klavierkonzert in c-Moll von Sergei Rachmaninov und die dritte Sinfonie in F-Dur von Johannes Brahms.

«Bach hat mich in meinem Leben als Musiker am intensivsten begleitet. Von allen Komponisten verehre ich ihn am meisten. Diese Orchestersuite war zudem eines der ersten Werke, welches ich mit dem Orchester in den 60er Jahren einstudiert habe.» Ein Klavierkonzert habe er aufführen wollen, weil er selbst auch Pianist sei, obwohl er erst als 16-Jähriger mit dem Klavierspielen angefangen habe und eine Solistenkarriere deshalb nie zur Debatte stand. Gemeinsam mit dem Solisten Pawel Mazurkiewicz habe er sich dann für das gefühlsbetonte Stück von Rachmaninov entschieden.

Das Strahlen der Mitwirkenden als Lohn
«Schliesslich wollte ich mit dem Orchester noch einmal eine grosse Sinfonie erarbeiten. Und Brahms hatten wir noch nie gespielt», erklärt Gafner die Wahl des letzten Stücks. Er habe mit dem Orchester ganz klein begonnen, mit Haydn und einfacheren Mozart Sinfonien. Später habe man dann Schubert und Mendelssohn aufgeführt. Es habe über die Jahre einen stetigen Aufbau gegeben. «Das Orchester wurde immer grösser und besser. Aber die Musiker und ich sind auch gemeinsam gewachsen. Wir wurden uns immer vertrauter.» So habe man sich schliesslich sogar an die grossen romantischen Sinfonien wagen können, zum Beispiel von Tschaikowsky und Dvořák. Brahms sei da die Krönung. «Die Weiterentwicklung zu sehen, war für mich das Schönste.»

Dieses Pädagogische, «normale» Menschen bei ihrer musikalischen Entfaltung zu unterstützen, sie immer weiter zu bringen und mit ihnen Besonderes zu schaffen, das sei es, was ihn an seiner Arbeit immer am meisten interessiert habe. Gafner ist überzeugt, dass man mit wirklich jedem und jeder Musik machen kann. «Ich habe immer das Urmusikalische in den Menschen gesucht.» So habe er einmal mit Leuten, die nicht Notenlesen konnten, eine Messe von Schubert aufgeführt. «Das Strahlen der Mitwirkenden, nachdem sie gemeinsam etwas erreicht und Musik erlebt hatten, war mein Lohn.» Dass er so vielen Menschen Musik und die Freude daran habe näher bringen können, habe ihn über die ganzen Jahre erfüllt und motiviert.

Und wie möchte der jahrzehntelang Rastlose die neu gewonnene Freizeit nutzen? «Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, Zeit für meine grosse Leidenschaft, das Klavierspielen, zu haben.» Aber obwohl die neue Wohnung sehr grosszügig wirkt, gab es nicht genügend Platz für den Flügel. Sein Instrument steht jetzt in der Musikschule. «Ich könnte zwar jederzeit hingehen, aber ich möchte zum Üben nicht immer das Haus verlassen müssen.» Stattdessen könne er jetzt mehr teilhaben an dem was andere machen. «Ich kann jetzt auch Konzerte besuchen und sogar reisen. Das ist neu für mich und auch schön. Vor Kurzem war ich in der Berliner Philharmonie.»

orchester-muensingen.ch